Ermel
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EINWEIHUNG am
25.04.01
Vortrag Prof. Dr. Schirmer |
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Otto Meyerhof und die Medizin in Heidelberg Vortrag von Prof. Dr. Heiner Schirmer bei der feierlichen Übergabe des Otto-Meyerhof-Zentrums für Ambulante Medizin und Klinische Forschung am 25. April 2001 in Anwesenheit der Familie von Otto Fritz Meyerhof Otto Meyerhof und die Medizin in Heidelberg Vortrag von Heiner Schirmer anlässlich der Feierlichen Übergabe des Otto-Meyerhof-Zentrums für Ambulante Medizin und Klinische Forschung am 25. April 2001 in Anwesenheit der Familie von Otto Fritz Meyerhof --Meyerhofs Bedeutung ATP Meyerhofs spezifische operative Substanz Das ATP-Modell. Hermann Hoepke hat als Anatom immer betont, man könne nur begreifen, was man einmal wirklich begriffen habe. Deshalb möchte ich Ihnen das Molekül Adenosintriphosphat (ATP) zum Begreifen in die Hand geben. Die Gelenke, das heißt die Beweglichkeit dieses Moleküls, lassen sich nur durch Begreifen begreifen. Das Modell zeigt ATP als naturgetreue nano-anatomische Einheit in 100 millionenfacher Vergrößerung. Es besteht aus Adenin, Ribose sowie aus drei Phosphatresten. Kohlenstoffatome sind schwarz, Wasserstoffatome weiß, Sauerstoffatome rot, Stickstoffatome blau und Phosphoratome gelb dargestellt. 1884-1910 Schon als Jugendlicher, vor allem während einer schweren Nierenerkrankung, die ihn monatelang ans Bett fesselte, beschäftigte sich Otto Meyerhof intensiv mit Philosophie. Er wurde und blieb sein Leben lang ein Philosoph der Erkenntniskritik und der Moralkritik der Kantianer Fries und Nelson. Meyerhof hat fast ein Vierteljahrhundert in den philosophischen "Abhandlungen der Friesschen Schule" publiziert und war lange Zeit einer der beiden Herausgeber dieser Zeitschrift. Außer für Philosophie und Archäologie interessierte sich Meyerhof besonders auch für Geschichte, einschließlich Kunst- und Literaturgeschichte. Zu seinen Lieblingsdichtern gehörten Goethe und Rilke. Nach dem Abitur im Jahre 1903 studierte Meyerhof Medizin, zuerst in Berlin, dann in Straßburg und Heidelberg, wo er 1909 promoviert wurde. Thema seiner Doktorarbeit waren "Beiträge zur psychologischen Theorie der Geistesstörung". Nach seiner Promotion wandte er sich eine Zeitlang der Psychologie und Philosophie zu, veröffentlichte eine erweiterte Form seiner Dissertation als Buch und schrieb seinen berühmten Aufsatz über Goethes Methoden der Naturforschung. Heidelberg 1910 bis 1912. Krehl und Warburg Weshalb förderte Ludolf-Krehl wie kaum ein anderer Mediziner der Welt die Grundlagenforschung in seinem klinischen Labor? Nach Krehls Überzeugung war die Medizin am Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Krise. Er befürchtete, die Medizin entferne sich von der Betrachtung des Kranken als ganzen Menschen mit seinen Voraussetzungen und Lebensbedingungen als Einheit und von der Wertung des Individuums als einer besonderen Einheit. Krehl hielt die materialistische Interpretation des Menschen für falsch, wonach Kranksein nach Art eines physikalischen und chemischen Prozesses gedeutet werden könne, bei dem der Arzt einem Techniker gleiche, der eine Maschine repariert. Der diagnostizierende Arzt habe den ganzen Menschen, seine individuelle Persönlichkeit in ihrer Umwelt und Geschichtlichkeit in den Blick zu nehmen und nicht nur die naturwissenschaftlich deutbaren Lebensprozesse. Den Positivisten unter Krehls Zeitgenossen und das war die Mehrheit gefiel das gar nicht. Für sie war Krehl trotz seiner Verdienste um die Pathophysiologie ein biologischer und ärztlicher Mystiker, der nicht erkennen könne oder erkennen wolle, dass innerhalb von 10 Jahren die psychischen und somatischen Phänomene eines kranken Menschen durch physikalisch-chemische Modelle erklärbar seien. Krehl konterte, indem er mit Warburg, Meyerhof, Siebeck und v. Weizsäcker junge Mediziner gewann, die die Erkenntnisse der Physik und Chemie auf Lebensvorgänge anwendeten, um die ersten Einblicke in die komplexe Stoffwechsel-Chemie und die biochemische Energetik der lebenden Zelle zu gewinnen. So begann, vor allem mit Warburg und Meyerhof der Siegeszug der molekularen Zellbiologie nicht etwa in einem staubfreien naturwissenschaftlichen Elitelabor der USA, sondern in der Patienten-orientierten medizinischen Klinik in Heidelberg. Diesen wissenschaftshistorischen Sachverhalt möchte ich immer gern von den Medizinstudenten hören, wenn ich in Prüfungen nach den Wurzeln und dem Durchbruch der modernen Biochemie und Biologie frage. Und dazu gehört auch unmittelbar die Frage nach der Psychosomatik, die damals in Heidelberg entstand. Kennzeichnend für die Heidelberger Schule ist, daß die großen Psychosomatiker im Rahmen ihrer medizinischen Doktorarbeiten bedeutende naturwissenschaftliche Entdeckungen machten und daß andererseits große Heidelberger Naturforscher wie Meyerhof ihre Promotionsarbeit und ihre klinische Tätigkeit einem psychiatrisch-psychologischen Thema gewidmet haben. Ein aktuelles Beispiel: In diesem Jahr erscheint das Buch Psychosomatik, Psychotherapie und Gehirn verfasst von dem Molekularen Zellphysiologen Johann Caspar Rüegg. Die Heidelberger Biopsyche, im Ausland liebevoll The Heidelberg Biosoul genannt, eine umfassende interdisziplinäre Forschungsmethodik im Dienste der Patienten, wird auch eine der tragenden Stützen des Otto-Meyerhof-Zentrums sein! Nicht nur in der Berufswahl entschied sich Meyerhof ein für allemal, für ein ganzes Leben, in Heidelberg. Hier lernte er die Mathematikstudentin und Malerin Hedwig Schallenberg kennen. Sie heirateten im Jahr 1914. Aus der Ehe gingen eine Tochter und zwei Söhne hervor. Wir haben die einzigartige Freude, dass sie alle zur Einweihung des OMZ gekommen sind. Gottfried (Professor emeritus für Civil Engineering in Halifax, Kanada), Bettina (früher Kinderärztin in Seattle und bei der US Army in Deutschland) und Walter (Professor emeritus für Physik an der Stanford University). Gottfried danke ich vor allem dafür, dass er den Nachlaß seines Vaters geordnet und im Internet veröffentlicht hat, eine einzigartige Quelle! 1912-1929. Kiel, Nobelpreis 1922 und Berlin Seinem Leitmotiv, der Frage nach der chemischen und energetischen Kopplung der einzelnen Reaktionen innerhalb einer biologischen Reaktionskette, konnte Otto Meyerhof sich erst nach dem Ende des ersten Weltkriegs widmen. Schon seit 400 Jahren seit Leonardos bekanntem und detaillierten Vergleich des Lebens mit einer Kerzenflamme wußte die Menschheit eigentlich, daß das Leben materiell und energetisch ein "stationärer Zustand" sei. Die schönste Beschreibung eines stationären Zustands, wo Energie und Stoffe gleichzeitig ruhen und strömen, ist Der Römische Brunnen von Conrad Ferdinand Meyer, den Meyerhof gerne zitierte Aufsteigt der Strahl und fallend gießt Erst durch Meyerhof wurde dieser Rahmen der Erkenntnis mit konkretem Inhalt erfüllt, geschah der Schritt von der Betrachtung zur Forschung: Denn Meyerhof zeigte als erster, daß dieser stationäre Zustand lebender Systeme auf chemischen Kreisprozessen und vor allem, daß er auf einer chemischen und energetischen Koppelung der Einzelschritte dieser Prozesse beruht. Als Objekt der neuen Forschungsrichtung verwendete Meyerhof zunächst den Muskel. Der Muskel ist ein bequem zugängliches Gewebe, das in großen und damit sehr genau meßbaren Beträgen chemische Energie in Wärme und in mechanische Arbeit verwandelt. Es genügten 4 Jahre einsamer Arbeit in dem kleinen Kieler Institut, damit Meyerhof für das Jahr 1922 zusammen mit seinem Freund Archibald Vivian Hill den Nobelpreis für Medizin erhielt Hill für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der Wärmeerzeugung im Muskel und Otto Fritz Meyerhof für die Entdeckung des Zusammenhangs zwischen Sauerstoffverbrauch und Milchsäure-Stoffwechsel im Muskel. Dieser junge Ruhm hatte seinen Nährboden nicht in begeistertem Verständnis der deutschen Universitäten für Meyerhofs Ergebnisse. So wurde am Anfang des Nobeljahres 1922 an Meyerhofs Universität Kiel auf Initiative des Physiologen Höber eine Abteilung für Physiologische Chemie eingerichtet. Die Fakultät berief einen netten Mann namens Pütter, Meyerhof blieb Assistent! Die Historiker erklären diese Entscheidung mit der antisemitischen Haltung der Kieler Fakultät. So einfach war es sicherlich nicht, denn die Bewerbungen des Nobelpreisträgers um eine unbefristete Stelle waren auch an anderen deutschen Universitäten, leider auch in Heidelberg, erfolglos. Im Ausland und außerhalb der Universitäten in Deutschland war man nicht so blind gegenüber dem Genie. 1924 wurde Meyerhof an das KWI für Biologie in Berlin berufen. 1929-1938. Die revolutionierende Blütezeit in Heidelberg Das Institut bestand aus vier Abteilungen: Physik (Hausser), Chemie (Kuhn), Physiologie (Meyerhof) und Pathologie (Krehl). Zum ersten Mal verfügte Meyerhof über hervorragende Arbeitsbedingungen. Die Laboratorien hatte man nach seinen Plänen gebaut und alles organisiert, um ihm seine Arbeit mit einer großen Zahl sehr empfindlicher Methoden und Geräte zu erleichtern. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft stellte ihm ein eigens für ihn gebautes großartiges Haus mit einem schönen Garten zur Verfügung. Man kann sich leicht vorstellen, wie glücklich er in Heidelberg war. Meyerhof war nun 46 Jahre alt und inmitten einer aktiven und dynamischen Phase seiner Forschungen. Karl Möhle hat mir erzählt wie es zu dem Slogan kam Zum Meyerhof, da blüht die Welt, Ein junger Mann hatte sich auf die Anzeige Meyerhof im Neuenheimer Feld sucht Elektriker beworben. Als Norddeutscher verstand er unter einem Meierhof einen Bauernhof mit mehr als 7 Kühen und so suchte er im Neuenheimer Feld ein Gehöft, bis er den wahren Meyerhof fand, in einem Institut inmitten frühlingsduftender Bäume. Meyerhof zog eine ganze Reihe bemerkenswerter Assistenten und Studenten nach Heidelberg. Zum ursprünglichen Stamm gehörte Karl Lohmann, ein großer Chemiker und Erstbeschreiber des ATP, der fast 13 Jahre bei Meyerhof arbeitete, und für Meyerhof besonders wichtig die großartigen und verläßlichen Techniker Walter Schulz und Karl Möhle. Meyerhofs Name bürgte für Innovation und sein ganzheitlicher Ansatz wirkte wie ein Magnet für junge Talente, die fast alle nur ein Jahr blieben, aber in der Heidelberger Zeit für ihre eigenen späteren wissenschaftliche Beiträge geprägt wurden. Berichten möchte ich zunächst vom Besuch des Dänen Einar Lundsgaard. Als Meyerhof gerade erst einige Monate in Heidelberg war, machte Lundsgaard in Kopenhagen eine Reihe sehr wichtiger Beobachtungen. So fand er, daß mit bestimmten Pharmaka behandelte Muskeln keine Milchsäure mehr bildeten, jedoch noch weiterarbeiten, solange Kreatinphosphorsäure vorhanden war. In eleganten Experimenten maß er die Arbeitsleistung und setzte sie mit der Wärmebildung beim Kreatinphosphorsäurezerfall in Beziehung. Lundsgaard schickte Meyerhof einen Vorabdruck des noch nicht publizierten Manuskriptes und bat ihn, die Richtigkeit der Entdeckungen unter Meyerhofs Anleitung testen zu dürfen, da sie im Gegensatz zu dessen Theorie zu stehen schienen. Dies zeigt Lundsgaards wissenschaftliche Einstellung, nämlich seine Suche nach Wahrheit unter strengster Kontrolle. Die Heidelberger antworteten prompt auf Lundsgaards Bitte, indem sie ihn nach Heidelberg einluden. Als er am Heidelberger Bahnhof ankam, brachten ihn Meyerhof und Lohmann sofort ins Labor und die Experimente begannen, bevor Lundsgaard überhaupt auspacken konnten. Er blieb 1930 sechs Monate in Heidelberg, und in dieser Zeit wurde ein einheitliches Konzept zur Energetik des Kreatinphosphats und des von Meyerhof entdeckten Argininphosphats entwickelt. Bei Untersuchungen der Wechselwirkungen zwischen Kreationphosphat und ATP ergab sich, daß ATP ein ebenso guter Energieträger wie Kreatinphosphat ist. Die Messungen von Meyerhof und Lohmann zeigten, daß bei dieser reversiblen Reaktion 100% der chemischen Energie erhalten bleibt und keine Wärme entsteht. Da ATP in jeder Zelle der belebten Natur vorkommt, Kreatinphosphat aber nur in Hochleistungszellen und auch dort nur im Verbund mit ATP wirksam ist, führten diese Experimente zur Entdeckung der einzigartigen Rolle von ATP für die Energetik aller Lebensprozesse. Meyerhofs Jahre in Heidelberg stellen die wichtigste und produktivste Phase seiner brillanten Laufbahn dar. Thomas Kuhn kommt zu dem Schluß, daß gerade die Arbeiten aus den 30er Jahren alle Merkmale einer echten wissenschaftlichen Revolution tragen. In der Heidelberger Zeit publizierten Meyerhof und seine Assistenten über 250 Originalartikel; sie spielten in der Tat die zentrale Rolle in der monumentalen Aufgabe, das Riesenpuzzle der Glykolyse zusammenzusetzen. Dies war Beginn und zugleich Höhepunkt der Aufklärung des intermediären Stoffwechsels. In Meyerhofs Institut wurde nicht nur ein Großteil der Substanzen gefunden, die in der Glykolyse eine Rolle spielen; es wurde auch entdeckt, wie und in welcher Sequenz diese Verbindungen miteinander reagieren. Es waren auch die Pionierarbeiten für unser Verständnis, wie Energie biochemisch umgewandelt, gespeichert und für die Leistungen der Zelle in Form von ATP zur Verfügung gestellt wird. Meyerhofs breiter philosophischer Forschungsansatz und seine persönliche Großzügigkeit bestimmten den Ton einer begeisterten Atmosphäre intensiver Zusammenarbeit in seinem Labor. Aber zu jeder Zeit gab es nur sehr wenige Wissenschaftler in seiner Abteilung, was für die Entwicklung einer engen Beziehung zwischen ihnen und Meyerhof und auch untereinander sehr wichtig war. Wie David Nachmansohn beobachtete, war Otto Meyerhof im Grunde ein schüchterner Mensch und fühlte sich am wohlsten, wenn nur wenige Leute da waren. Die Wirkung Meyerhofs auf die Menschen seiner Umgebung hatte, wie Hans-Hermann Weber beschreibt, beinahe etwas Magisches: Denn er war nicht eigentlich liebenswürdig. Er war vielmehr völlig sachlich und überhaupt nicht auf Menschenfang aus. Aber unter der spröden Oberfläche verbarg sich ein starkes Gefühl: wen er gewogen und nicht zu leicht befunden hatte, dem blieb er treu. Zwischen 1929 und 1938 waren bei Meyerhof unter anderen Fritz Lipmann, David Nachmansohn, Ken Iwasaki, Paul Rothschild, Dubuisson, George Wald, Alexander von Muralt, André Lwoff, Walter Kiessling, Lehmann und Paul Ohlmeyer. Als Gastwissenschaftler trugen Forscher wie Archibald V. Hill, Otto Warburg und Hans Krebs und als guter Nachbar aus der Abteilung Chemie Richard Kuhn zum intellektuellen Flair bei. Wie States in seiner Meyerhof-Biographie schreibt, trugen damals die jungen Leute enthusiastisch die Fackel der Erkenntnis aus Heidelberg hinaus und erhellten damit andere Forschungsstätten in fernen Ländern ein großartiges Bild! Vier Mitarbeiter Meyerhofs aus dieser Zeit wurden später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Fritz Lipmann für seine Entdeckungen zum Fettstoffwechsel, Severo Ochoa für seine Beiträge zum genetischen Code und die Entdeckung der RNA-Polymerase, Andre Lwoff für seine Arbeiten zur Genomorganisation in Bakterien und George Wald für seine Beiträge zur Molekularbiologie des Sehens. 1938-1951. Flucht aus Heidelberg. Paris. Philadelphia 1940 gelangte er schließlich über Spanien und Portugal in die Vereinigten Staaten. Auch hier fand Meyerhof auf Grund seines Ruhms und durch A. V. Hills warmherzige und kluge Fürsprache bald eine Position: Die Universität Philadelphia und die Rockefeller Foundation richteten für ihn eine Stelle als "Research Professor" und ein Laboratorium im Department von Wright Wilson ein. Hier hat er bis zu seinem frühen Tod am 6. Oktober 1951 weitergearbeitet. Sein wissenschaftliches Hauptwerk aber hatte er in Heidelberg vollbracht, wo 350 seiner 440 Publikationen entstanden. Auch in Amerika hat er sein aktives Interesse an der Philosophie nie aufgegeben: 1949, zu Goethes 200. Geburtstag, präsentierte er in New York eine tiefgehende kritische Auswertung von Goethes wissenschaftlichen Ideen. 1944 erlitt Meyerhof eine Herzattacke und 1951 eine weitere, die er nicht überlebte. Fast 40 Jahre lang hat Otto Meyerhof seiner Frau Hedwig immer wieder, formvollendete liebevolle Gedichte gewidmet, die nach Hedwig Meyerhofs Tod gefunden wurden. Wie Hans-Hermann Weber nüchtern konstatiert, sind Liebesgedichte, die sich ein ganzes Leben lang an dieselbe Frau richten, in der Weltliteratur extrem selten. Wars mir vergönnt, auch einen Faden nur Weber schildert auch, wie Meyerhofs Mitarbeiter an ihm hingen. Ein Beispiel: Zur Wirkungsgeschichte von Meyerhof in Heidelberg Mein Freund Georg Schulz, unsere Doktoranden und ich haben 1972 bei Holmes die erste Struktur eines ATP-bindenden Proteins aufgeklärt. Dieses Enzym, die Myokinase oder Adenylatkinase, setzt ATP, AMP und ADP miteinander ins Gleichgewicht und gibt die für die Dynamik des Energiestoffwechsels entscheidenden Signale. Als wir Weber davon berichteten, sagte er nur, das Enzym sei 1935 von Otto Meyerhof und Walter Kiessling entdeckt, und Meyerhof hätte sich sicherlich über diese ästhetische Struktur gefreut, die vielleicht in vielen Proteinen vorkomme und so fühlten auch wir uns zugehörig. Was mich betrifft, war Meyerhof auch Leitfigur der unruhigen jungen Wissenschaftler am Max-Planck-Institut von 1968 bis 1972; denn Meyerhof vertrat ja die Philosophie des antirestaurativen Heidelberger Philosophen Karl Jakob Fries (1773-1843) und hatte selbst immer ein aktives Interesse an sozialen Problemen gehabt. Schon als Student in Berlin gab er an der Universität Unterrichtskurse für Arbeiter, nicht nur, um deren Bildung zu verbessern, sondern um bei den Studenten das Gefühl sozialer Verpflichtung zu wecken und damit zur Milderung sozialer Ungerechtigkeit beizutragen. Das Ziel des wissenschaftlichen Fortschritts sah Otto Meyerhof deshalb ähnlich wie Roosevelt (1937): The test for our progress is not whether we add more to the abundance of those who have much; it is whether we provide enough to those who have too little. Meyerhof hat auch den berühmten Aufsatz von A. V. Hill aus dem Jahre 1946 über Medical Ethics mitgetragen. Hill stellt angesichts der Entwicklung der Atombombe und der Verirrrungen und Auswüchse der Forschung während des Zweiten Weltkriegs die Forderung auf, daß der Hippokratische Eid nicht nur für die Medizin sondern für alle Disziplinen der Wissenschaft gelten müßte. Der hippokratische Eid verpflichtet den Arzt, sein Wissen und seine Kenntnisse nur zum Wohle des Menschen einzusetzen. Um 1970 haben wir auch die Diskussion geführt, unter welchen Menschen, insbesondere welchen Kollegen Meyerhof im Nationalsozialistischen Deutschland gelitten haben könnte und wer sich hätte anders verhalten müssen oder können. Um 1970 war eine Aufarbeitung noch aktuell, zumal Adolf Butenandt als Präsident an der Spitze der Max-Planck-Gesellschaft stand. Heute sollten wir uns sehr in der Beurteilung und Verurteilung zurückhalten. Die wenigsten von uns wissen, was es bedeutet, in einer menschenverachtenden, selbstbewußten und erfolgreichen Diktatur handeln und leben zu müssen. Meyerhof selbst warnte immer wieder davor, tiefgreifende Ereignisse, die man nicht erlebt hat, begrifflich zu bewältigen. Was Meyerhofs Judentum betrifft, beziehe ich mich auf David Nachmansohn. Ich hole ein wenig weiter aus. Meyerhof war entsprechend seinem familiären Hintergrund, völlig assimiliert. Wie für viele andere Juden seiner Generation hatte sein jüdisches Erbe und die jüdische Religion wenig Bedeutung für ihn. Er war sich aber stets seiner jüdischen Abstammung bewußt und ließ sich auch nicht taufen. Als dann nach dem Ersten Weltkrieg die antisemistische Bewegung in Deutschland zu Gewalttaten ausartete, beunruhigte ihn insbesondere der Gedanke, daß dieser Extremismus die Bemühungen um die Gründung einer liberalen, fortschrittlichen und demokratischen Republik schwer beeinträchtigen könnte. Selbst die Katastrophe der Hitlerzeit, die Judenverfolgung und das namenlose Leid, das die Nazis ihm und seiner Familie zufügten, änderte seine grundsätzliche Einstellung nicht. Er betrachtete diesen heftigen Ausbruch des Nationalismus und Antisemitismus als einen Rückfall in das Mittelalter, als eine böse Macht, die mit dem Fortschritt der menschlichen Gesellschaft verschwinden würde. Als nach dem Krieg dann die unvorstellbar schrecklichen Ereignisse des Holocaust bekannt wurden, war er fassungslos. Otto Meyerhof fühlte sich nie in der Lage zu urteilen. Eine der Hauptgründe war, daß er wie viele andere nicht begreifen konnte, was geschehen war. Wenn man die Briefe liest, die Meyerhof nach dem Krieg an frühere Kollegen und Mitarbeiter richtete, wird deutlich, wie sehr er versuchte wieder Kontakte zu etablieren, die während des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkriegs verloren gegangen waren. Bei der Interpretation dieser Briefe stellt Hans-Georg Schweiger resümierend fast resignierend fest. Er war..., er war ein guter Mensch. Schluß Obwohl Otto Meyerhof es nie ausgesprochen hat, herrschte in seiner Umgebung so etwas wie der Kantsche kategorische Imperativ. Die Gruppe verhielt sich so, als könne ihr Verhalten wie man miteinander und der Welt umgeht modellhaft für die Gesellschaft insgesamt sein und, wie Kant sagen würde, Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden. Hermann Blaschko meinte, bei Meyerhof lernte man fast unbewusst, wie man den Versuchungen der Macht widersteht und im eigenen Kreise zum Entstehen einer Gesellschaft beiträgt, bei denen sich alle freudig tätig weiterentwickeln. Dies gilt natürlich insbesondere für ein Klinisches Forschungsinstitut, in dem die leidenden Patienten und die Lösung ihrer Probleme im Zentrum stehen. Nicht nur das Programm und die Zielsetzungen dieses Instituts sondern auch der Name Meyerhof bürgen dafür, daß am Otto-Meyerhof-Zentrum nicht nur etwas Innovatives, sondern etwas innovativ Gutes entsteht. Ich gratuliere allen Beteiligten, insbesondere Herrn Jacubeit und Herrn Rummer, zu dieser Namensgebung. Ludolf Krehl und Otto Fritz Meyerhof waren große Verehrer von Rainer Maria Rilke, und deshalb möchte ich meinen programmatischen Wunsch in einem Rilke-Gedicht ausdrücken, das auch Gadamer seiner Wahrheit und Methode voranstellt. Für Otto Meyerhof treffen diese Zeilen zu wie für ganz wenige Menschen. Für die forschenden Ärzte am Otto-Meyerhof-Zentrum mögen sie auch immer wieder einmal Gültigkeit bekommen! Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles LITERATUR
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